Seminar über Ethik in Kloster Wittem

 

Was bedeutet Ethik in einer postmodernen Welt?

 

Rückblick auf das Seminar mit Prof. Dr. Martin McKeever C.Ss.R.

 

von Eric Corsius

 

Wir leben in einer als ‚postmodern‘ gekennzeichneten Welt und betreiben in dieser Welt Ethik – ob wir uns dessen ständig bewusst sind oder nicht. Wenn wir also die im Titel formulierte Frage stellen, tauchen wir bewusst in diese Situation ein, in der wir uns immer schon befinden, ein. Wir gehen ‚in medias res‘.

 

Mit dieser Feststellung begann P. Martin McKeever, Professor an der Academia Alfonsiana in Rom, sein Seminar am 5. März in Kloster Wittem. Auf seine eigene, interaktive Art untersuchte er mit den Anwesenden - überwiegend junge Männer und Frauen vom CoJoBo und Redemptorist Volunteering Ministries - das aktuelle Feld der gesellschaftlichen Diskussion. Was bedeutet der Begriff ‚Postmoderne‘? Aus einem regen Austausch der Beteiligten ergaben sich u.a. folgende Merkmale: Vielfalt der Perspektiven und Optionen, Beschleunigung, Nihilismus, Verdacht gegenüber den Institutionen und Traditionen der ‚Prämoderne‘ (Wahrheit, Religion, Kirche) aber auch gegenüber den scheinbaren Errungenschaften der Moderne (z.B. Fortschritt und Freiheit) u.s.w.

 

Für die Ethik ist es wichtig dass wir als postmodernen Menschen unsere Identität, unser Selbst mehr denn je selber konstruieren müssen – und dass es dafür weniger denn je Vorgaben gibt. Es gibt keine über Kritik erhabenen, geteilten kanonischen‘ Texte (Bibel, Menschenrechte) mehr, woran wir uns ohne weiteres festhalten können. Besser gesagt: es gibt außer diesen eine Menge an neuen, mehr oder weniger ausdrücklich bewussten kanonischen Texten, z.B. in der Literatur oder der Popkultur. Wie orientieren wir uns in und an dieser Vielfalt? Wie konstruieren wir anhand dieser vielen Bausteine eine Identität, die uns auch in moralischen Urteilen und Entscheidungen leiten kann? Diese Frage bezieht sich nicht bloß auf Entscheidungen im privaten Alltag, sondern auch auf Fragen im öffentlichen Bereich. Wir sind ja ‚politische Tiere‘.  Woran richten wir uns da aus, vor allem da die modernen Ideologien und ‚Ismen‘ entfallen sind, woran wir uns so lange festhalten konnten?

 

Gerade in unserer postmodernen Situation ist es wichtig, uns neu mit unseren klassischen ‚kanonischen Texten‘ auseinanderzusetzen. Dabei wird von uns gefordert dass wir jedes Mal wieder die hermeneutische Bewegung machen, indem uns aus unserer Lebenswelt in die Lebenswelt der Texte (z.B. eines Psalms oder prophetischen Textes) hineinversetzen. Was besagt uns dann ein solcher Text? Was können wir ethisch aus ihm herausdestillieren? Das immer wieder Aufgreifen dieser Bewegung, in der wir die Texte lesen und von ihnen gelesen werden, formt uns um und macht uns zu Christen. So bildet sich in uns ein Habitus, eine Tugend aus – und so sind wir den Turbulenzen des postmodernen Zeitalters gewachsen. Am Nachmittag ging ein für alle Beteiligten spannender Tag zu Ende.


 

Veröffentlicht am: 2016-03-05


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