Ein Beispiel für unsere Zeit: Der Blindgeborene

 

Blog der Accademia Alfonsiana, 22. Mai 2020

 

Die Stelle im Evangeliums über den Blindgeborenen (Johannes 9, 1-41) ist ganz selbstverständlich mein Lieblingstext in der Schrift. Man muss bloß mal drauf achten wie es losgeht, ohne dass der Mann überhaupt um etwas bittet. Während sich Jesus Jünger fragen, warum der Mann blind geboren wurde, legt Jesus dem armen Mann Schlamm auf die Augen und fordert ihn auf, sich zu waschen. Der Mann kehrt geheilt zurück.

 

Aber das ist erst der Anfang der Geschichte. In der Zwischenzeit verlässt Jesus die Bühne. Die Leiter wollen wissen, wie dieser Mann geheilt wurde. Hier wird es für den Mann heikel. Am Ende der Geschichte distanzieren sich seine verängstigten Eltern von ihm und die Tempelführer vertreiben ihn. Er ist alleine unterwegs.

 

Im gesamten Text verhält er sich unglaublich beeindruckend und legt jedes Mal auf eigene Gefahr Zeugnis ab, mit wachsender Zuversicht wenn es darum geht, wer Jesus ist und was Jesus für ihn getan hat. Am Ende ist er zu einem solchen Masse an Mut, Weisheit und Glauben gewachsen, dass er den Spieß umdreht und anfängt, diejenigen zu befragen, die ihn befragen. Es ist eine Tour de Force für den blind geborenen Mann. Aber er wird aus dem Tempel geworfen.

 

Schließlich kehrt Jesus zurück, nachdem er erfahren hat, dass der blind geborene Mann vertrieben wurde. Er findet den Mann und offenbart ihm, dass er, Jesus der Menschensohn ist. Der Mann, der bezeugt hat, was Jesus für ihn getan hat, vervollständigt jetzt sein Zeugnis und betet Jesus an.

 

Warum liebe ich diesen Text? Ich denke, es geht um das Gebetsleben.

 

Erstens kommt Jesus ohne viel Aufhebens an, berührt dagegen schlicht und ergreifend den Mann. Er hört Jesus und handelt wie angewiesen. Ich denke, es ist der Schlüssel zu verstehen, dass Jesus zuerst auf uns zukommt. Ich denke, der Schlüssel besteht darin, dass Jesus einen berührt. Ich denke, dass diese unverkennbaren Tatsachen der Begegnung einem, wie dem blind geborenen Mann, die Gewissheit des Glaubens geben.

 

Zweitens ist Jesus abwesend. In der Tat neigt Jesus dazu, gerade nicht da zu sein, wenn es schwierig wird, wenn die Krise beginnt. (Hört sich vertraut an, oder?)

 

Drittens scheint Jesus darauf zu vertrauen, dass der Mann herausfinden wird, was er zu sagen hat. (Was ihn auch immer darauf bringen wird: die Heilung, die Natur des Menschen, der Heilige Geist. Hauptsache: er wird sicher darauf kommen.) Der Punkt ist, dass Jesus ihn heilt und ihn dann allein lässt, damit er für sich selbst eintreten kann.

 

Viertens scheint Jesus sich keine Gedanken zu machen. Der Mann, der blind geboren wurde, ist nicht der Einzige, den Jesus verlässt, damit dieser sich selber verteidigt. Denke z.B. auch mal an Martha und Maria, die auf Jesus warten, wenn ihr Bruder Lazarus stirbt. Jesus bleibt absichtlich im Hintergrund.

 

Fünftens kommt Jesus so lässig zurück, wie er am Anfang die Bühne betrat. Wenn alles vorbei ist, kommt er wieder auf den Mann zu, damit dieser noch besser versteht, was er gelernt hat.

 

Es ist ein sehr ehrlicher Text über die Abwesenheit Jesu in schwierigen Zeiten. Es ist, als ob Jesus uns gerne alleine lässt. Es sieht so aus, dass er uns vertraut. Aber auch dass er sich dann letztendlich wieder meldet,

 

Jetzt befinden wir uns mitten in einer globalen Pandemie. Wo ist Jesus? Du kannst ihn nicht finden? Keine Überraschung. Diesmal sind sogar die Kirchen geschlossen. Bedeutet das etwas? Das glaube ich nicht. Jesus ist da. Ich weiß das mit jeder Faser in meinem Körper. Er wird wieder auftauchen. Aber in der Zwischenzeit erwartet er, dass wir das Richtige tun, bis er zurückkommt.

 

Ende der Geschichte.


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 Quelle: https://www.alfonsiana.org/blog/2020/05/22/an-exemplar-for-these-days-the-man-born-blind/

 

James Keenan SJ

 


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